zurück

Nachhaltigkeit bei der Pflanzenproduktion

Das Thema Nachhaltigkeit spielt für Verbraucher immer häufiger in die Kaufentscheidung hinein. Das beeinflusst auch die Pflanzenvermarktung, nicht immer jedoch sachlich.

Nachhaltigkeit beginnt schon bei der Pflanzenproduktion.
Nachhaltigkeit beginnt schon bei der Pflanzenproduktion.
Foto: Heidzüchtung Kramer

Der Diplom-Gartenbau-Ingenieur Rudolf Sterkel ist in der grünen Branche kein Unbekannter. Nach diversen Stationen im nationalen und internationalen Gartenbau ist er bereits seit einigen Jahren für die Heidezüchtung Kramer, unter anderem bekannt als Bereitsteller der Lizenz Garden Girls, im Marketing und Verkauf tätig. Die anhaltende Nachhaltigkeitsdebatte und die zunehmende Relevanz des Themas schlagen sich auch in seinem Verkaufsalltag nieder. Nicht immer, so Sterkel, werde der Diskurs allerdings sachlich geführt, und noch lange nicht jedes Produkt, das sich der Nachhaltigkeit rühme, sei es tatsächlich. Denn, so Sterkel: „Nachhaltigkeit in der Pflanzenproduktion tatsächlich umzusetzen, ist keine leichte Aufgabe.“ Sie beginne schon bei der Saat und müsse über den gesamten Produktionsprozess im Fokus stehen, sonst fehle die Authentizität, die der Verbraucher im Laden immer häufiger einfordert. „Die reine Produktorientierung war gestern“, sagt Sterkel, heute habe man „höhere Ziele“.

Doch schon bei der Definition des Begriffs Nachhaltigkeit wird es schwierig: Handlungsprinzip zur Ressourcennutzung, wie es etwa bei Wikipedia zu lesen ist? Oder doch ein Schema, das sich an plakativen Parametern wie umweltfreundlichen Pflanztöpfen und Umverpackungen festmacht?

Ein Aushängeschild eines maximal grünen Konzepts in der Gartenbranche ist derzeit der österreichische Gartencenter-Filialist Bellaflora. Dort hat man es sich bereits 2004 zum Ziel gesetzt, die insgesamt 27 Standorte in Angebot und Service so nachhaltig wie möglich aufzustellen. Seit 2012 ist Bellaflora Klimabündnis-Mitglied, 2013 wurden alle chemisch-synthetischen Pestizide ausgelistet und kompromisslos auf biologischen Pflanzenschutz und biologische Pflanzenstärkungsmittel umgestellt. 2014 hat man diesen Schritt auf Dünger übertragen, und seit 2015 reduziert man kontinuierlich den Torfgehalt bei Erden. Doch wie weit greift dies auch bei der Produktion der angebotenen Pflanzen?

Weitere Themen die die grüne Branche bewegen finden Sie in unserem Fachmagazin „Markt in Grün“. Abonnieren Sie jetzt das Heft oder testen Sie das Magazin als Mini-Abo.


Klare Kriterien bei Nachhaltigkeit

Regionale Produktion und kurze Transportwege zahlen ebenso auf das Nachhaltigkeitskonto ein.
Regionale Produktion und kurze Transportwege zahlen ebenso auf das Nachhaltigkeitskonto ein.
Foto: Heidzüchtung Kramer

Sterkel definiert Nachhaltigkeit in der Pflanzenproduktion sehr deutlich, nämlich nach Kriterien wie etwa den Anbau pflegeleichter und einheimischer Kulturen mit einer geringen Anfälligkeit für Schädlinge und ausreichender Hitze- und Stresstoleranz. Vor allem aber regionale Produktion zahlt aus seiner Sicht auf die Nachhaltigkeitsbilanz ein. „Doch was ist wirklich regional?“, fragt der Vermarktungsexperte. Und wie aussagekräftig und wahr ist die Auslobung solcher ungeschützter Attribute etwa bei Pflanzen? Dieselbe Frage stellt sich für ihn in der Torfdiskussion, die die Verbraucher zunehmend verunsichert, und auch Rückstandsanalysen für Pflanzenschutzmittel, die einige Vermarkter einfordern, sieht Sterkel kritisch. Denn in den Raum geworfene Schlagworte sagten noch nichts über tatsächliche Nachhaltigkeit aus. Die Kundenberatung sollte vielmehr immer so sachlich wie möglich geführt werden.

Eine Orientierung für den Endverbraucher können aus seiner Sicht Zertifikate sein, wie sie beispielsweise von der niederländischen MPS-Gruppe vergeben werden. So steht das MPS-ABC-Siegel für einen weltweit derzeit einzigartigen Standard, der auf einem Ranking-System basierend anzeigt, wie umweltfreundlich Prozesse in der Pflanzenproduktion tatsächlich sind. Es wird untergliedert in drei Stufen (MPS-A, MPS-B und MPS-C), wobei MPS-A mit der umweltfreundlichsten Stufe gleichzusetzen ist. Das MPS-GAP-Zertifikat gilt für Betriebe, die den Einzelhandel beliefern. Das Zertifizierungsschema ist mit GLOBALG.A.P. gebenchmarkt und erfüllt daher auch die Voraussetzungen der Floriculture Sustainability Initiative (FSI), einer internationalen Organisation mit Mitgliedern aus vielen Ländern, die es sich zum Ziel gesetzt hat, den Welthandel mit Blumen und Pflanzen bis 2020 zu mindestens 90 Prozent für Nachhaltigkeit zu zertifizieren. Das Zertifikat MPS-SQ steht für die Erfüllung sozialer Standards und faire Produktion. MPS-PP weist nach, dass bestimmte Wirkstoffe nicht in dem Produkt vorkommen und nicht im Anbau eingesetzt wurden, und wird ergänzend zum MPS-ABC-Zertifikat vergeben.

Rudolf Sterkel
Rudolf Sterkel
Foto: Privat
Gut 50 Prozent der Garden Girls-Produzenten seien derzeit bereits zertifiziert, betont Sterkel. Die Ansprüche an die Produktionsfaktoren, die dafür erfüllt sein müssen, seien jedoch hoch, was sich in der Regel auch in den Gestehungskosten niederschlage.

Mehrwert kommunizieren

Der so entstandene Mehraufwand dürfe auch in den Preisverhandlungen mit dem Handel kommuniziert werden, findet er. Insgesamt sollten die Produzenten aus seiner Sicht hier generell mehr Mut beweisen und ebenso Augenmerk auf die Vermarktung am POS legen. Denn oft zeige sich, dass eine gelungene Produktaufmachung bei Verbrauchern die Preissensibilität in den Hintergrund treten lässt. „Angemessene Preise signalisieren vielmehr Wertigkeit“, ist Sterkel überzeugt. Gut sei es daher, Mehrwerte wie zum Beispiel das Attribut „winterhart“ am POS sachlich informativ und richtig auszuloben und höhere Preise so auch zu begründen. Dann fühle sich auch der Kunde gut beraten, und das wiederum nütze dem Geschäft: „Erfolg ist, wenn der Kunde zurückkommt, nicht die Ware.“

Dieser Artikel wurde in geändertert Form aus der Ausgabe 04/05 entnommen.

22.05.2019