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Vom Beet auf den Teller

Kräuter, Naschobst und Gemüse aus heimischem Anbau liegen im Trend. Und Corona lässt das Bedürfnis nach ein wenig mehr Selbstversorgung weiter wachsen. Dank neuer Züchtungen kann der Handel mit einem breiten Angebot punkten.

Die Blätter des Kaugummi-Strauchs (Blu-Blumen) sind direkt essbar und erfrischen den Atem. Darüber hinaus eignen sie sich zur Zubereitung von Tees, Desserts und sommerlichen Fruchtsalaten.
Die Blätter des Kaugummi-Strauchs (Blu-Blumen) sind direkt essbar und erfrischen den Atem. Darüber hinaus eignen sie sich zur Zubereitung von Tees, Desserts und sommerlichen Fruchtsalaten.
Foto: Blu-Blumen

Zurückgeworfen auf die eigenen vier Wände wächst offenbar der Wunsch, das Leben in die eigenen Hände zu nehmen und zu ernten, was man selber gesät hat, moderierte Caren Miosga den Tagesthemen-Beitrag „Selbstversorger in Corona-Zeiten“ vom 19. April 2020 an. Damit hat es das Thema wieder einmal in die großen Publikumsmedien geschafft. Und aufgrund der Corona-Pandemie noch einmal deutlich an Fahrt aufgenommen.

Auch die Gartencenter, die seit dem 20. April bundesweit wieder öffnen dürfen, profitieren von dieser Entwicklung. Kaum verwunderlich also, dass die Nachfrage des Handels bei den Produzenten in den letzten Wochen noch einmal deutlich zugenommen hat, wie auch Jana Kurniawan, Geschäftsführerin von Green Contor, bestätigt. Als Großhändler bündelt das Unternehmen alle Angebote von Züchtern aus dem Ammerland und bietet diese in einem eigenen Webshop an. Dadurch können Gartencenter aus den mehr als 3.000 Produkten eine passgenaue Auswahl zusammenstellen und auch kleinere Mengen bestimmter Sorten von den Partner-Betrieben beziehen.

„Schon in den Vorjahren wurde immer mehr aus dem ‚essbaren‘ Sortiments-Bereich bei uns bestellt. Aber dieses Jahr übertrifft wirklich alles. Seit einigen Wochen verzeichnen wir eine unglaublich hohe Nachfrage.“ Vor allem schnell wachsendes Beerenobst wie Blaubeeren, Himbeeren oder Stachelbeeren seien beliebt. „Hiervon haben wir kaum noch etwas im Angebot, da fast alles ausverkauft ist und die Züchter erst einmal nachproduzieren müssen.“ Bei Kern- und Steinobst sowie Wildobst, etwa Sanddorn oder Aronia, sei die Nachfrage zwar auch gestiegen, allerdings nicht im gleichen Maße. „Das kann aber auch damit zusammenhängen, dass es hierfür zum Teil schon etwas zu spät ist“, vermutet die Geschäftsführerin.

Klein und kompakt

Die derzeitigen Entwicklungen lassen vermuten, dass der Trend zur essbaren Pflanze auch im Post-Corona-Zeitalter nicht so schnell abebben wird. Jana Kurniawan geht davon aus, dass das Beerenobst dabei weiterhin die Pole-Position behält.

Die ‚BrazelBerry‘ (zu Jeddeloh) bekommt Nachwuchs: Vaccinium corymbosum ‚Perpetua‘ ist die weltweit erste Blaubeere mit Doppelernte.
Die ‚BrazelBerry‘ (zu Jeddeloh) bekommt Nachwuchs: Vaccinium corymbosum ‚Perpetua‘ ist die weltweit erste Blaubeere mit Doppelernte.
Foto: zu Jeddeloh

„Bei vielen neuen Sorten sind die Früchte quasi garantiert. Sie sind zudem anspruchslos, auch was die Bodenbeschaffenheit betrifft. Viele Verbraucher kennen sich kaum noch mit der Pflege aus. Neuere Sorten versprechen aber dennoch ein gutes Ernteergebnis.“ Einige Sorten tragen sogar über mehrere Monate immer wieder Früchte. Was die Nachfrage seitens der Verbraucher ebenfalls ankurbelt: Der Markt bietet immer mehr kleine, kompakte Sorten für den Topf, die sich auch auf Balkonen oder Terrassen wohl fühlen. Dadurch müssen selbst Stadtgärtner nicht auf Naschobst oder Mini-Gemüse verzichten.

„Wir merken, dass sich die Zielgruppe verändert hat. Es ist nicht mehr nur die ältere Generation die sich für die Selbstversorgung interessiert, sondern vor allem die jüngeren Garten- und Balkonbesitzer greifen dieses Jahr vermehrt zu Obstbäumen,“ bestätigt Dirk Clasen, Geschäftsführer der Johannes Clasen Obstbaumschule in Rellingen.

Kleine Grünflächen in der Stadt erfordern besondere Unterstützung und benötigen eine andere Ansprache und Beratung, als Gärtner mit 100 Quadratmeter. Die Studie „City Gardening“ liefert genau diese Einblicke und erklärt, auf was die Zielgruppe mit kleiner Grünfläche besonders achtet. Die komplette Studie können Sie über unseren Baufachmedien-Shop erwerben.

Zur Studie City Gardening

Pflanzen an den Klimawandel angepasst

Der Trend geht aber nicht nur zu kompakteren und besonders pflegeleichten Sorten. Gleichzeitig wird auch die Produktpalette breiter. Dabei sind nicht nur die Klassiker gefragt, sondern auch außergewöhnlichere Gattungen, wie etwa die schwarze Maulbeere (Morus), die es auch bei Temperaturen von minus 20 bis plus 25 Grad Celsius aushält und im Sommer dunkelviolette, süßsaure Früchte trägt.

Viele Züchter versuchen sich zudem an der Kultivierung von Exoten für die hiesigen Temperaturbedingungen. Dass das funktionieren kann, zeigt sich etwa am Beispiel der klimaresistenten Erdnusssorte ‚Justmore‘ von Lubera, die bei der IPM 2020 den Preis für die beste Neuheit eingeheimst hat. „Die Klimaveränderung kommt nicht, sie ist schon hier“, sagte Lubera-Geschäftsführer Markus Kobelt im Rahmen der Preisverleihung. „1,5 Grad mehr sind keine Peanuts, sondern verändern die Lebensbedingungen für Pflanzen fundamental.“ Deshalb sei man auf die Idee gekommen, zu testen, ob man nicht in Mitteleuropa Erdnüsschen anbauen könne – und man kann. ‚Justmore‘ kommt auch mit feuchten Böden gut zurecht und versteckt in seinen länglichen Hülsen etwa drei bis vier Nüsschen. Die Pflanze kann problemlos in Töpfen ab fünf Liter sowie in Balkonkästen oder im Garten auf leicht angehäuften Beeten angepflanzt werden.

Es ist ein Kraut gewachsen

Was beim Thema essbare Pflanzen natürlich nicht unerwähnt bleiben darf: die Kräuter! Auch in diesem Segment hat sich in Hinsicht auf die Angebotsvielfalt einiges getan. Denn wer das selbst angebaute Obst oder Gemüse verarbeitet, will auch auf frisch gepflückte Kräuter nicht verzichten. Doch diese sind längst nicht mehr nur in der Pfanne zu finden. Kräuter sind mittlerweile zum Allround-Talent geworden.

Thymian, Basilikum, Estragon, Minze, Rosmarin: Das sind die Kräuter der ‚Macht Gin‘-Marke von Landgard.
Thymian, Basilikum, Estragon, Minze, Rosmarin: Das sind die Kräuter der ‚Macht Gin‘-Marke von Landgard.
Foto: Walter/MiG

Das zeigen auch die Marken und Fachhandelskonzepte von Landgard. So machen etwa die frischen Kräuter der ‚Macht Gin‘-Marke aus Wacholderschnaps ein DIY-Mixgetränk. Wer es lieber anti-alkoholisch mag, soll mit dem Konzept ‚Exotic Nature‘ erreicht werden: Zitronenmelisse, Ananassalbei, Grapefruitminze und Zitronenthymian aromatisieren als Infused Water Herbs auf natürliche Weise kühle Getränke oder Tees. Wo Kräuter außerdem nicht fehlen dürfen? Beim sommerlichen Grill-Event. So gehören neben Oliven, Salat-Pflanzen und Gemüsesorten auch zahlreiche Kräuter zum Konzept ‚Grill Gardening‘.

Biene aus dem Fokus gerückt

Die große Nachfrage nach Selbstversorgerpflanzen hat allerdings zu Folge, dass andere Themen in den Hintergrund rücken. „Seit dem Aufkommen von Corona verzeichnen wir eine deutlich geringere Nachfrage nach bienennährenden Pflanzen und Gehölzen“, berichtet auch Jana Kurniawan. „Wobei essbare Züchtungen häufig natürlich auch gut für die Insekten sind.“ Sie glaubt aber, dass das Thema künftig wieder an Bedeutung gewinnt.

 „Derzeit drehen sich die Gedanken der Menschen viel um das Corona-Virus. Langfristig werden aber auch andere Themen wie das Insektensterben, die zuvor schon relevant waren, wieder stärker ins Bewusstsein zurückkehren. Dazu gehört natürlich auch der Umweltschutz.“ Daher sieht die Expertin in Hinsicht auf die neuen Züchtungen auch eine deutliche Entwicklung in Richtung verbesserte Pflanzengesundheit: „Viele Mittel, die früher wie selbstverständlich bei der Produktion eingesetzt wurden, sind heute nicht mehr erlaubt. Oder sie sind es, aber die Produzenten wollen sie nicht mehr nutzen“, erklärt sie. Das liege aus Ihrer Sicht zum einen an der zunehmenden Selbstverpflichtung der Branche zu mehr Umweltschutz. „Zum anderen sind die Verbraucher deutlich sensibler geworden. Die meisten wollen nur noch Pflanzen, die ohne Chemiekeule gesund wachsen.“

„Nachhaltige Gärten“: so heißt die neue Marktforschungsstudie, die die Einstellungen, Anschaffungsneigungen und das Verbraucherverhalten im Hinblick auf die Nachhaltigkeit bei Gartensortimenten analysiert. Die komplette Studie kann bereits jetzt vorbestellt werden und Sie erhalten sie ab den 20. August per Downloadlink zugesandt.

Zur Studie „Nachhaltige Gärten“

Handel als Helfer

Obwohl neue Sorten robuster werden und selbst mit wenig Aufwand das gewünschte Ernteergebnis bringen: Der Fachhandel sollte sich als kompetenter Ansprechpartner positionieren und Kunden Pflegehinweise, Pflanztipps und anderes nützliches Wissen an die Hand geben. Denn obwohl vieles ohne grünen Daumen gelingt, ist immer noch ein Mindestmaß an Kompetenz nötig.

Das machte auch der zu Beginn erwähnte Tagesthemen-Beitrag deutlich: So berichtet etwa Christian Dinger vom Kölner Gartencenter Dinger‘s, der darin interviewt wird, dass die Nachfrage nach essbaren Pflanzen in seinem Gartencenter zwar zunehme, einige Kunden jedoch übers Ziel hinausschießen würden: „Die holen sich dann 30 Tomatenpflanzen. Damit kann man ja ein ganzes Dorf ernähren.“ Der Fachhandel ist somit auch gefordert, dass die Selbstversorgerlust nicht im Misserntefrust endet.

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08.07.2020