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Das Freitagsinterview mit... Rudolf Sterkel, Heidezüchtung Kramer

Die Heidezüchtung Kramer hat bei der IPM 2020 in Essen ihre neue Nachhaltigkeitsstrategie vorgestellt. Was ist das Ziel und welche Maßnahmen werden ergriffen? Das erklärt Rudolf Sterkel, Marketing- und Verkaufsberater der Heidezüchtung, im Freitagsinterview.

Dipl.-Ing. Rudolf Sterkel von Gardengirls
Sterkel erläuterte schon beim Markt in Grün Barcamp 2019 die Relevanz der Nachhaltigkeit für die Branche.
Foto: MiG

Herr Sterkel, zunächst eine Frage aus aktuellen Anlass: Wie sind Ihre Lizenznehmer von den erschwerten Arbeitsbedingungen aufgrund der Corona-Krise betroffen?

R. Sterkel: Wie die Landwirte haben auch viele Gartenbauer das Problem, dass die ausländischen Arbeitskräfte zum Großteil nicht mehr zur Verfügung stehen. Was erschwerend hinzukommt: Gerade ist Topf-Zeit, wo jede helfende Hand gebraucht wird.
Das andere Problem sind natürlich die Stornierungen seitens des Handels, da der Abverkauf aufgrund von Schließung oder sinkender Kundenfrequenz zurückgeht. Für die Betriebe ist es also nicht einfach. Bleibt nur zu hoffen, dass sich die Situation bald verbessert.

Nun zu einem erfreulicheren Thema. Sie haben auf der IPM Ihre neue Nachhaltigkeitsstrategie vorgestellt. Was beinhaltet diese?

R. Sterkel: Den ersten Schritt sind wir schon gegangen. Wir haben auf Töpfe umgestellt, deren Plastikanteil zu 100 Prozent aus Post Consumer Recyclat aus dem gelben Sack besteht und auch wieder über diesen entsorgt werden kann. Zudem werden die Etiketten jetzt aus robuster Pappe hergestellt statt aus Polypropylen. Die Haltbarkeit haben wir schon getestet: Auch drei Stürme am Niederrhein konnten ihnen nichts anhaben. Darüber hinaus sind die Stäbe nicht mehr aus Plastik, sondern aus Holz. Restbestände werden aber erst noch verbraucht, um Ressourcen zu schonen.

Was ist der nächste Schritt der Strategie?

R. Sterkel: Derzeit konzentrieren wir uns darauf, die Produktion nachhaltiger zu gestalten und experimentieren zum Beispiel mit biologischen Substraten. Das würde allerdings bedeuten, dass der Handel mitziehen muss. Denn es wäre deutlich mehr Aufwand, da man mit Stickstoff nachdüngen muss. Zudem wäre der Wasserverbrauch höher. Hier ist der fähige Gärtner als Kultivateur gefragt. In Versuchen haben wir gesehen, dass das fachgerecht erfolgen muss, sonst geht das zu stark auf die Qualität der Pflanzen. Was nachhaltige Paletten betrifft, ist die Industrie leider noch nicht so weit. Das wäre aber auch ein langfristiges Ziel, das wir mit unserer Strategie verfolgen wollen.

Umweltschutz bringt bekanntlich höhere Kosten mit sich. Wie kann der Handel sicherstellen, dass die Pflanzen dennoch an den Mann und die Frau gebracht werden?

R. Sterkel: Wie Analysen der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) zeigen, ist der Preis bei der Kaufentscheidung für viele deutlich weniger relevant als etwa die Tatsache, dass das Produkt oder die Verpackung nachhaltig sind. Zumindest, wenn man ein Angebot isoliert betrachtet. Platziert man wiederum ein günstiges Produkt neben einem teureren, nachhaltig produzierten Produkt, greifen die meisten nach dem Preiswerteren. Das gilt auch für Pflanzen. Das könnte man lösen, indem man den Kunden keine Wahl mehr lässt – zumindest zeitweise über Aktionswochen, in denen man nur nachhaltige Produkte auf Flächen stellt. Ansonsten hilft nur, die Kunden zu beraten und ihnen zu erklären, weshalb das Produkt teurer ist. Das setzt voraus, dass die Angestellten geschult werden.

Einige Ihrer Züchtungen sind bis in den November haltbar. Das kommt Ihnen sicher in der aktuellen Situation aufgrund der Corona-Krise zugute – bis dahin ist der Verkauf über den Fachhandel vielleicht wieder regulär möglich?

R. Sterkel: Tatsächlich haben wir so gesehen Glück, dass Heide kein Frühjahrsprodukt ist. Aber wie die Situation bis dahin aussieht, wissen wir natürlich nicht. Grundsätzlich ist es aber richtig, dass sich die Saison durch die warmen, trockenen Sommer verlängert und der Kunde unsere Herbstprodukte oft erst im Oktober kauft statt im September. Dafür haben wie einige Spätsorten gezüchtet.
Aber auch hier ist Heide kein Selbstläufer. Sondern der Handel ist mit seiner Kompetenz gefragt. Beispielsweise zeigen Statistiken des Aeternitas Förderverein Bestattung und Grabgestaltung, dass nur noch 25 Prozent der Bestattungsarten Möglichkeiten zur Deko mit Pflanzen bieten. Das ist ein gutes Beispiel dafür, dass der Handel den Kunden in der Wertschöpfungskette verstärkt umwerben und mit Verwendungsbeispielen, Dekorationen und Zweitplatzierungen ansprechen muss. Kunden suchen Convenience, wie fertige Grab-Schalen oder bepflanzte Balkonkästen zum Mitnehmen.

03.04.2020