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Per Speed-Dating zum Nachwuchs

Azubis sind in der grünen Branche begehrt wie nie. Um qualifizierten Nachwuchs zu finden, müssen sich Arbeitgeber jedoch einiges einfallen lassen. Ein zeitgemäßes Konzept bietet die besten Chancen.

Niklas Kölbel ist einer von aktuell 23 Azubis im Gartencenter Brockmeyer, die ihren Job gerne machen.
Niklas Kölbel ist einer von aktuell 23 Azubis im Gartencenter Brockmeyer, die ihren Job gerne machen.
Foto: Brockmeyer

Er scheint ein echter Glücksgriff: Niklas Kölbel ist 19 Jahre alt und packt gerne an. Egal ob es darum geht, Blumenerde aufzustapeln, Grünpflanzen zu gießen oder Regale in der Keramikabteilung zu befüllen. Kunden, die sich hilfesuchend an ihn wenden, berät der junge Mann „super gerne“, wie er sagt. Dabei punktet er durch Fachwissen und ein freundliches Auftreten. Niklas Kölbel ist Azubi im dritten Lehrjahr. Sein Arbeitgeber ist das Gartencenter Brockmeyer.

Drei Häuser gehören zu dem Familienbetrieb. Insgesamt 23 junge Leute werden aktuell an den Standorten Detmold, Gütersloh und Halle in fünf Berufen ausgebildet wie Personalreferentin Katharina Gruß, erklärt. Besonders beliebt sei der Ausbildungsgang zum Gestalter/in für visuelles Marketing, sagt sie: „Die Plätze sind immer am schnellsten vergeben.“ Doch auch Verkäufer/innen, Kaufmänner/frauen im Einzelhandel und für Büromanagement bildet Brockmeyer aus, seit 2017 auch Fachkräfte für Lagerlogistik. Kölbel ist dabei offensichtlich nicht das einzige Nachwuchstalent, wie ein Blick auf die Homepage verrät. Auch mit seinen Azubi-Kollegen scheint das Haus zufrieden. Dennoch könnte es besser sein. Gruß würde durchaus noch mehr jungen Leuten eine Chance geben, um den wachsenden Bedarf an Fachkräften zu decken. „Besonders Verkaufspersonal ist Mangelware“, räumt die Personalfrau ein. Bisher habe man meist noch immer alle Ausbildungsplätze besetzen können, sagt die, doch gebe es durchaus „Luft nach oben.“

Wachsender Ausbildungsnotstand

Für viele Branchenkollegen mutet das längst an wie ein Luxusproblem. Denn nicht wenige Gartencenter gehen bei der Azubisuche zunehmend leer aus oder finden nur spärlich geeignete Bewerber. Als „verheerend“ bezeichnet etwa Jeanette Dernier, zuständig für das Personalwesen bei Pflanzen-Kölle, die sich ändernde Ausbildungsmarkt-Situation. Auch andernorts in der Branche ist der Notstand Thema, wie zahlreiche Initiativen u. a. der grünen Verbände belegen. Gründe für die Nachwuchsproblematik gibt es viele, angefangen von der demografischen Entwicklung über die mangelnde Qualifikation der Bewerber bis zum fehlenden Interesse an Berufen im Handel. „Für viele ist der Einzelhandel nicht mehr attraktiv, nicht zuletzt wegen der Arbeitszeiten, gerade im Verkauf. Auch die ständige Präsenz auf der Fläche liegt offensichtlich nicht jedem“, weiß Gruß aus Erfahrung. Dazu gebe es oft Unstimmigkeiten hinsichtlich der Umgangsformen, die leider oft nur mäßig seien. Bisweilen sei der Ausbildungs-Missstand jedoch auch selbst verschuldet, sagt sie. Denn längst nicht jeder Betrieb betreibe die Nachwuchssuche konsequent.

Engagement tut Not

Gut lachen hat Geschäftsführer Henry Brockmeyer im Kreise seiner motivierten Azubis 2017.
Gut lachen hat Geschäftsführer Henry Brockmeyer im Kreise seiner motivierten Azubis 2017.
Foto: Brockmeyer

Nicht so Brockmeyer. Hier hat man erkannt, dass man etwas tun muss. „Mund-zu-Mund-Propaganda oder das Hoffen auf die Kinder von Mitarbeitern oder Bekannten, wie es früher üblich war, reicht einfach nicht mehr aus“, bestätigt Gruß. Seit einigen Jahren gibt es im Haus daher eine regelrechte Ausbildungsoffensive. Diese beginnt bei der Eigenwerbung: „Wir gehen in Schulen, zu Azubibörsen und Berufsinfotagen und stellen unseren Betrieb vor. Dabei nehmen wir meist eigene Azubis mit, die auf Augenhöhe berichten. Auch in unseren Märkten veranstalten wir entsprechende Events mit Führungen und werben auf der Fläche um Nachwuchs“, berichtet Gruß. Neuerdings nehme man sogar am Azubi-Speed-Dating teil. Auch Praktika vergibt Brockmeyer gerne. Denn nicht selten wecken diese bei jungen Leuten erst das Interesse an einer Ausbildung. Die Hürden, in die Lehre genommen zu werden, hält man bewusst gering: Nicht allzu gute Schulnoten lassen sich bisweilen durch gute Umgangsformen ausgleichen. Auch die Lust, Neues zu lernen und auf Menschen zuzugehen, schlagen positiv zu Buche. „Das kann für viele junge Leute durchaus eine Chance sein“, ermuntert Gruß.

Besser mit Konzept

Überzeugen will man jedoch vor allem durch ein gutes Ausbildungskonzept. „Unsere Ausbildung steht unter dem Motto „Fördern und Fordern“, heißt es bei Brockmeyer. Man erwarte viel von seinem Nachwuchs, gebe den jungen Menschen aber auch eine hohe Verantwortung. In allen Abteilungen kümmere sich gut geschultes Personal um die Azubis. Mehrfach ist der Gartencenter-Betrieb dafür schon ausgezeichnet worden. Niklas Kölbel hat das in seiner Ausbildungsplatzwahl durchaus bestärkt. Bereits ein Jahr vor Abschluss der neunten Klasse hat sich der damalige Schüler für eine Lehre bei Brockmeyer entschieden. Was auf ihn zukommen würde, konnte er sich halbwegs vorstellen, denn schon während der Schulzeit hatte er in einer Raiffeisen-Filiale in der Nähe gejobbt. Warum seine Wahl ausgerechnet auf das Gartencenter fiel, weiß er schnell und überzeugend zu beantworten: „Das ist schon eine Adresse in unserer Region, auch als Arbeitgeber“, sagt Kölbel. Doch ebenso die Struktur der Ausbildung und die mit ihr verbundenen Fördermöglichkeiten hätten ihn überzeugt: „Es ist schön, wenn man dabei unterstützt wird, seine eigenen Fähigkeiten zu entfalten“, findet der angehende Einzelhandelskaufmann. Gerade das gefalle ihm an seiner Ausbildung bei Brockmeyer. Auch schätzt er es, in jeder Abteilung zuverlässige Ansprechpartner zu haben, dazu noch Azubi-Paten, die sich als beinahe Gleichaltrige zusätzlich um die Anliegen ihrer Nachfolger kümmern und als Anlaufstelle dienen, wenn es mal klemmt. Das dient dem Klima: „Gerade in der Hauptsaison, wenn es stressig werden kann, ist es schön, sich bei einer neutralen Person, die Erfahrung hat, Rat zu holen“, gesteht Kölbel. Doch auch Weiterbildungs- und Aufstiegschancen reizten ihn. So genießt er nicht nur die etwa vier Produktschulungen, die er im Jahr zusätzlich zum allgemeinen Ausbildungsumfang erfährt.

Fördern kann man den Nachwuchs auch durch die Teilnahme an Veranstaltungen. markt in GRÜN entwickelte zu diesem Anlass ein Barcamp für die grüne Branche. Die interaktiven Vorträge sollen den Nachwuchs neue Arbeitsmethoden, Sortimente und PoS-Gestaltungen für die Zukunft näher bringen.

Zum Barcamp

Nachahmer erwünscht

Das Konzept scheint stimmig: Ausbildungsabbrüche verzeichnet Brockmeyer laut Katharina Gruß kaum. Auch Niklas Kölbel würde sich „definitiv jederzeit wieder“ für eine Ausbildung im Haus entscheiden. Derartige Hoffnungen spornen auch andere in der Branche an. So bestätigt etwa Jeanette Dernier, dass man bei Pflanzen Kölle ebenfalls „mit Hochdruck“ an den letzten Bausteinen zu einem vor circa einem Jahr angestoßenen Konzept arbeitet, das die gesamte Ausbildung im Unternehmen neu aufstellen soll: „Dieser Bereich ist für uns ein absolutes Fokusthema“, so Dernier.

Niklas Kölbel jedenfalls profitiert von seiner Ausbildung ebenso wie sein Arbeitgeber. Schon im August hat er ausgelernt und will den Handelsfachwirt draufsatteln. Brockmeyer dürfte das freuen. Denn Kölbels Lust auf den Job ist geblieben. Besonders positiv herausgefordert sieht er sich, wenn jemand in den Laden kommt, der einen ganz speziellen Wunsch oder noch unkonkrete Kaufvorstellungen hat: „Sich auf solche Kundenbedürfnisse einzulassen, macht erst richtig Spaß.“

13.09.2018